Ars Poetica

Die Bewahrung von alten Traditionen ist heute im 21. Jahrhundert ein sehr trügerisches und interessantes Phänomen. Trügerisch, denn viele kreieren eine mystische, märchenhafte Scheinwelt um sich herum, natürlich unter dem Vorwand Traditionsaufbewahrung. Manche wollen ihre nationalistischen Ansichten, Grundsätze oder verborgenen radikalen Sehnsüchte unter diesem Vorwand verdecken, während andere in ihrer verschlossenen Einsamkeit von einer unrealistischen Zukunft fantasieren. Ich fand es deshalb wichtig zu erzählen, weil mir persönlich die Worte des „Größten Ungarn”, des Grafen István Széchenyi in dieser Hinsicht zählen: „Nur die Nation ist lebendig, die ihre Tradition bewahrt.”

Es ist schon bemerkenswert, was Tradition in sich hat. Und wie ihre fortlebende Essenz durch Zeiten bestehen bleibt, sich immer wieder erneuert, welche von der Kultur und nicht von Extremitäten handelt. Sie zeigt das Wissen, Reinheit und Würde eines Volkes, durch sie die tiefste Sakralität seiner Existenz durchdringen kann. Was diese Sakralität ist? Die Urkraft. Und wie diese Urkraft hervorgerufen wird? Natürlich durch ein Pferd. Man beschafft sich ein Pferd nach dem anderen und der Mensch wird auf dem Sattel seines Edelrosses durch den Wind beflügelt, zielt mit seiner Armbrust Richtung untergehene Sonne und spürt, dass er diese Kraft immer schon im Blut hatte. Man braucht nicht an mehrere hunderttausend Forint teuren, weltfremden Kursen teilnehmen, um das Wissen zu erlangen. Es reicht, wenn wir nach innen schauen und auf die Stimme unserer Seele horchen, uns auf die Kraft des Geistes verlassen, denn er zeigt unser wahres Wesen, nämlich, dass wir von Natur aus Kämpfer sind.

Ehrlich gesagt, wir bilden unsere Pferde nicht dafür aus, dass sie in einem super langsamen Galopp-Tempo den Weg des schon zigtausend mal verschossenen Pfeiles befolgen sollen, bis der perfekte Schauzirkus zustande kommt und träumen nicht davon, dass wir endlich einen Pferdesport gemacht haben, in dem uns die Welt nicht mehr besiegen kann, denn es liegt ja in der Natur eines Ungarn immer kämpfen zu müssen. Meiner Meinung nach ist es an der Zeit aus diesem Schema herauszutreten. Man braucht sich nicht gegenseitig zu bekämpfen. Man muss sich gegenseitig respektieren. Das Pferd eines echten Kriegers ist ein freies Wesen, welches manchmal eigensinnig denkt und es kommt mal vor, dass es bei dem wildesten Galopp, bei dem saubersten Schuss der Meinung ist in eine andere Richtung laufen zu müssen, seinen eigenen Willen durchzusetzen. Ein echter Reiter, ein echter Krieger zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass er fähig ist den Zügel fest in den Händen zu halten und Herr der Lage zu sein.

Wir verleihen uns keine diversen historischen Titel, denn es gibt ja genügend Khane oder Stammvorsteher in der Geschichte. Viel mehr ist es wichtiger das Erwachen des freien Geistes zu ermöglichen und nach unseren Taten mögen uns unsere Nachkommen beurteilen. Ich denke nämlich und darüber bin ich überzeugt, dass Mut eine der grundlegendsten Tugende eines Kriegers ist. Ein echter Krieger also beweist sich nicht selbst, nicht seinen Nächsten, nicht dem Publikum, er geht nur mit einem guten Beispiel voran wie jeder seinen sakralen Kämpfer in sich finden kann.

Ich schreibe seit 20 Jahren Bücher über Spiritualität, ich habe mehrere Hundert Vorträge hinter mir, ich bestieg Gipfel von hohen Bergen bei dem wildesten Schneesturm mit meinen Freunden, wo das Leben eines Menschen nicht mal einen lumpigen Heller wert ist, doch da oben lässt sogar ein Seufzer spüren, wie unendlich klein der Mensch ist und doch für welche große Dinge er fähig ist. Auf einem rasend schnell galoppierenden Pferd zu sitzen, den Wind einzufangen, die Sehne eines Bogens zu spannen und ihn loszulassen, hören, wie der Pfeil davonhuscht ist mehr als Sport, mehr als Spiel. Es befähigt einen dort, in jenem Augenblick zu explodieren, sich ins Jenseits zu befördern und für den Bruchteil einer Millisekunde eins mit dem Ganzen zu sein, damit sein Geist wie der von einem Krieger flügeln kann. In jener Millisekunde, wo der Pfeil seine Fahrt in die Ewigkeit antritt, werden an jeder Sehne, an jedem Bügel die vergangenen 5000 Jahre wiederpulsiert. Unsere Ahnen tanzen in den Seelen, in den Herzen und in unserem Geiste und die damit verbundene Achtung, Ehrerbietung, Liebe und Dankbarkeit wiederspiegelt den Sinn der Traditionsaufbewahrung, die von dem Schützen auf dem Pferd repräsentiert wird. Es wiederspiegelt unsere Arbeit, die gleichzeitig eine Lebensform ist und lebt, wie schon erwähnt, seit unserer Kindheit in uns, es ist die Treibkraft in uns.

Archäologen, Altertumsforscher, ausländische Wissenschaftler mit einbezogen drehen wir zusätzlich Dokumentarfilme über Traditionsaufbewahrung, sowie über die Frühgeschichte Ungarns, über alten Sitten und Bräuchen mit Experten, die in diesem Gebiet bewandert sind. Wir suchen Menschen auf, die im Sinne der Aufbewahrung alter Traditionen leben und diese alte Lebensform vertreten. Wir setzen die Tradition in eine Realität um, die nicht auf eine mystische Scheinweilt oder unbegreiflichen Idealismus basiert.

Csaba Árpád Czanik